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Mentales Training

Obwohl ein Motorradfahrer durch mentales Training seinen Fahrstil sehr schnell verbessern kann, wird dies von vielen Bikern leider noch immer belächelt.
Die Meinung, dass man so was nicht nötig hat, haben sehr viele. Dabei kann gerade das mentale Training im Ernstfall sehr wichtig sein.
Was man dabei lernt, fängt beim normalen Fahren an und hört beim "richtigen" Verhalten bei einem Unfall auf.
Durch mentales Training kann jede Phase des Motorradfahrens perfektioniert werden.

90% des Motorradfahrens findet im Kopf statt.
 
Zuerst wollen wir das Training mal in die wichtigsten Gruppen unterteilen:

  1. Konzentrationsfähigkeit
  2. Positives Denken
  3. Visualisierung
  4. Motivation
  5. Entspannung
  6. Fahrerselbstbild
  7. Umfeld
  8. Mentale Übungen (Bewegungsabläufe)

Konzentrationsfähigkeit
Gerade beim Motorradfahren ist die Konzentration sehr wichtig. Kleine Fehler können sehr hart "bestraft" werden.
Man sollte z.B. sich selbst beobachten wenn man ein Buch ließt.
Wieviel vom Inhalt kann man wirklich behalten???

Versucht Eure Konzentration zu steigern, kurze Pausen erhalten die Aufmerksamkeit.
Bei jeder Strecke kommt auch mal eine Gerade, diese sollte man zum Entspannen nutzen.
Irgendwann ist es allerdings bei jedem mit der Konzentration vorbei, da hilft dann nur noch eine Pause und langsames (entspanntes) Fahren.

Positives Denken
Positive Bilder schaffen positive Emotionen.
Eine positive Einstellung ist der Idealzustand beim Motorradfahren.
Wenn man mal in eine kritische Situation kommt, sollte man nicht einfach sagen:
"DAS GEHT NICHT GUT !!!"

Allein durch die Einstellung kann man an den meisten Situationen vieles wieder retten.

Jetzt nehmen wir mal an, wir haben uns mit der Geschwindigkeit für eine Kurve etwas verschätzt. Hier negativ zu denken wäre ein entscheidender Fehler.

Nur wer Aufgibt, hat verloren!

Besser wäre wohl der Gedanke:
"Locker bleiben und legen, legen, legen. Das geht schon gut."

Positives Denken ist eine Lebenseinstellung... 

 

Visualisierung
Führt Euch beim Fahren immer wieder Erlebnisse vor Augen, bei denen Ihr alles richtig gemacht habt.
Mit solchen Erfahrungen verbindet Ihr positive Gefühle, welche Euch dann beim Fahren beflügeln.
Erfolg macht ja schließlich süchtig.

 

Motivation
Eigentlich ist damit die emotionale Ausrichtung und Vorbereitung auf ein bestimmtes Ziel hin gemeint.
Sie ist also ein ganz entscheidender Faktor beim Fahren.
Man kann sich die Motivation übrigens auch gezielt antrainieren. Dies geht zum Beispiel dadurch, dass man sich immer wieder sagt:
"Beim nächsten Mal schaffe ich diese Kurve perfekt, die Anderen haben es ja auch geschafft."

Allerdings hat auch die Motivation ihr Grenzen. Selbst wenn wir uns zum Motorradfahren verabredet haben, kann es sein, das einer sehr kurzfristig noch absagt.
Dies liegt dann meistens nur an der mangelnden Motivation. Man könnte auch sagen, dass demjenigen im Augenblick nicht nach Motorradfahren zu mute ist.

 

Entspannung
Wer sich verkrampft aufs Motorrad setzt hat schon so gut wie verloren. Auch sollte man nie mit schlechter Laune, Frust oder Aggression fahren.
Dies gilt übrigens nicht nur für das Motorradfahren, sondern auch bei vielen anderen Dingen im Leben.

Mit Yoga, autogenem Training oder anderen Dingen kann man sich wirkungsvoll entspannen.
Wichtig ist dabei nur, dass die gewählte Methode zum eigenen Typ passt.

 

Fahrerselbstbild
Das Fahrerselbstbild ist auch eins von den Dingen, bei denen sich die meisten Biker was vormachen.
Nur wer seine eigenen Fehler erkennt und einsieht, und nicht nur die Fehler anderer bemerkt und bei ihnen sucht, kann seinen eigenen Fahrstill verbessern.
Jeder Fehler den man bei sich selber sieht, ist beim nächsten Mal vermeidbar.
So was ist natürlich auch trainierbar.
Versucht ganz einfach mal die erlebte Situation aus der Sicht eines Anderen zu sehen. Ihr werdet Eure Fehler viel besser erkennen und ganz anders reagieren.
Dies führt dann zu einer viel realistischeren Selbsteinschätzung.

Die meisten Motorradfahrer sind schon mal gestürzt oder kennen jemanden, der schon gestürzt ist.
Fragt sie doch mal was genau passiert ist und woran es nach deren Meinung gelegen hat.
Meistens hört man dann etwas von einer Ölspur oder Sand auf der Fahrbahn.

Aber hat der Sand Gas gegeben oder die Schräglage in der Kurve bestimmt? 

 

Umfeld
Schafft Euch ein Umfeld, das positiv auf Euch wirkt und Druck von Euch nimmt, statt Druck zu verursachen.
Seht Euch Euren "Freundeskreis" beim Motorradfahren einfach mal genauer an. Sind dies Leute die Euch unterstützen, aufbauen und motivieren immer besser zu werden, oder setzen sie Euch unter Druck???
Richtige "Freunde" nehmen beim Fahren Rücksicht und haben kein Problem damit, wenn mal einer nicht nach kommt.
Wenn Ihr Euch unter Druck setzen lasst, dann passieren Fehler.

Das richtige Umfeld motiviert und unterstützt die fahrerischen Fähigkeiten...

 

Mentale Übungen (Bewegungsabläufe)
Hier geht es darum bestimmte Bewegungsabläufe zu trainieren, die teilweise beim Fahren immer gebraucht werden, aber auch um das richtige reagieren in Gefahrsituationen die man nicht üben kann.
Beim Motorradfahren kann es vorkommen, dass sich der Fahrer von seinem Motorrad trennen muss.
Diesen Augenblick kann man nicht praktisch üben und viele möchten sich damit lieber nicht beschäftigen.

In diesen Situationen ist das mentale Training sehr hilfreich.
Den Einstieg in das mentale Training findet man am gut dadurch, dass man sich Zuhause in aller Ruhe hinsetzt und im Kopf zum Beispiel irgendeine Kurve vorstellt.
Am besten geht man das Durchfahren der Kurve mal Schritt für Schritt durch.

  1. ENTSPANNEN !!!
  2. An die Sitzhaltung denken, wenn möglich die selbe Sitzposition wie auf dem Motorrad einnehmen.
    Von nun an läuft alles nur noch im Gedanken ab, wobei es allerdings sehr hilfreich ist die Bewegungen mit dem Körper mitzumachen.
  3. VOR der Kurve auf die "richtige"* Geschwindigkeit herunter bremsen.
  4. Bremse lösen und durch den Lenkimpuls die Schräglage des Motorrades einleiten. Dabei geht das kurveninnere Knie ein kleines Stück nach vorne und der Blick wandert in die Kurve.
  5. Der Oberkörper bildet mit dem Motorrad eine Linie und nimmt die selbe Schräglage wie das Motorrad ein.
  6. Der Kopf bleibt senkrecht und der Blick wandert nun durch die Kurve. Dabei ist es sehr wichtig, den Blick nicht auf irgendetwas zu fokussieren, sondern immer zwischen dem Ende der Kurve und dem Bereich vor dem Motorrad wandern zu lassen.
  7. Das Gas wieder leicht öffnen und dadurch ganz sanft wieder beschleunigen.
  8. Am Kurvenausgang durch einen Lenkimpuls oder durch Gasgeben das Motorrad wieder aufrichten.
    Fahranfänger sollten allerdings mit dem Aufrichten des Motorrades durch Gasgeben sehr vorsichtig sein.

* Richtige Geschwindigkeit bedeutet, dass man dann noch zu schnell ist, wenn in der Kurve gebremst werden muss. 

Zuerst fängt man mit einer Kurve an und dann folgen Kurvenkombinationen.
Mit der Zeit wird man immer besser und merkt dies dann auch in der Praxis.
Besonders hilfreich ist es, wenn man sich kleine "Überraschungen" einbaut. Dies kann zum Beispiel eine Ölspur, Dreck oder ein Reh auf der Fahrbahn sein.

Wenn man dann einmal in eine solche Gefahrsituation kommt, hat man einen entscheidenden Vorteil:
Man denkt nicht mehr nach und reagiert nur noch aus dem Instinkt heraus. Wenn man bei den Übungen den Bewegungsablauf mit trainiert hat, macht sich dieses sofort bemerkbar. Die Bewegungsmuster müssen nicht mehr vom Gehirn an die Muskeln geschickt werden, sondern sind als "fertiger Bewegungsablauf" in den Muskeln gespeichert. Es ist übrigens das selbe Prinzip, das beim Tai Chi, dem chinesischen Schattenboxen, angewendet wird. Dies bringt in einer Gefahrsituation entscheidende Sekunden und man kann so einen Sturz oder sogar Unfall verhindern.

Besonders wichtig ist das mentale Training bei folgenden Situationen:
Ausweichen, Überbremsen des Vorderrades und dem Überfliegen eines Hindernisses (z.B. Auto).

Das Ausweichen stellt prinzipiell eine Kurvenkombination dar, bei der das Motorrad nicht in die Kurve gelegt, sondern gedrückt wird. Beim mentalen Training sollte man den Gegenverkehr nicht vergessen.
Manchmal ist es besser die Flucht zu ergreifen anstatt einen Unfall zu riskieren. Damit ist gemeint, dass man lieber einen Sturz und dann das Vorbeirutschen an dem Hindernis in Kauf nehmen soll, als in das Hindernis hinein zu fahren.
Beim Überbremsen des Vorderrades ist es von Vorteil, wenn man sich etwas Heißes (z.B. eine Herdplatte) vorstellt. Wenn das Vorderrad bei einer Vollbremsung mal überbremst werden sollten, denkt man an die heiße Herdplatte und öffnet blitzschnell die rechte Hand.
Auch diesen Bewegungsablauf kann man nicht oft genug Zuhause üben. Dabei setzt man sich hin und macht mit der rechten Hand eine Vollbremsung, bei der das Vorderrad überbremst wird. Dann kommt der "Befehl" HEISS und die Hand muss schlagartig wieder geöffnet werden.
Da das Überfliegen eines Hindernisses selten in der Praxis trainiert werden kann, ist es hier besonders wichtig, dies durch mentales Training zu üben.
Man sitzt also wieder auf seinem "Motorrad" (im Gedanken natürlich) und fährt durch die Stadt.
Plötzlich biegt ein Auto vor Euch ab und versperrt den Weg.
Wenn Ihr es nicht mehr schafft zu bremsen, gibt es nur noch eins:

Arme hochreißen und blitzartig in die Fußrasten stellen !!!

Den Rest erledigt unsere kinetische Energie.
Wie immer beim mentalen Training wird auch hier derjenige belohnt, der die Übungen nicht nur im Gedanken durchgeht, sondern auch die entsprechenden Bewegungen dazu durchführt.

Ein höherer Tank und entsprechende Verkleidungsformen am Motorrad, die einen Rampeneffekt erzeugen, unterstützen die Bemühungen des Fahrers.

Ein weit verbreitetes Problem ist das mangelnde Vertrauen in das Motorrad bei großer Schräglage.
Bei 20 Grad machen die meisten Biker schlapp. Erfahrene Biker fahren meist nicht mehr als 35 Grad. Die meisten Motorräder schaffen allerdings über 45 Grad.

Sollte man mal eine Kurve "zu schnell" anfahren, bringt es nichts sofort das Handtuch zu schmeißen. Viel mehr sollte man locker bleiben und sich in die Kurve hineinlegen.
Wenn alle Stricke dann doch reißen sollten, hilft uns nur noch das mentale Training:
In voller Schräglage das Hinterrad überbremsen, so dass es blockiert. Dabei dann noch von dem Motorrad mit Armen und Beinen abdrücken.
Da das Motorrad i.d.R. weiter rutscht als der Fahrer ist es von Vorteil, dass das Motorrad vorne weg rutscht. Kleinere Hindernisse wie z.B. ein Zaun, werden dann von dem Motorrad beseitigt.
Wenn man einmal den Entschluss gefasst hat sich vom Motorrad zu trennen, sollte man es auch "durchziehen". Wird die Bremse nach kurzem Blockieren wieder gelöst, erlebt man einen wunderschönen Highsider...

Bücher gibt es zu diesem Thema mehr als genug.
Aber als gute Lektüre für den Anfang hat sich das Buch "Perfekt fahren mit MOTORRAD" (ISBN 3-613-02176-5) etabliert.